München, den 29. März 2011 (autaro) Maserati hat während der letzten Jahre stark an Qualität und Image gearbeitet. Damit haben die Italiener zugleich ihr Nischen-Dasein beendet, seit der Übernahme des Traditions-Unternehmens mit dem Dreizack im Kühlergrill im Jahre 1993 durch den Fiat-Konzern geht es schrittweise bergauf. Bis zur Übernahme stand das Traditionsunternehmen aus Modena kurz vor der Pleite, woran besonders das einfallslose Design und die vielerorts bejammerte Unzuverlässigkeit Schuld trugen. Sir Peter Ustinov, einer der treueren Anhänger der italienischen Sportwagenschmiede riet potentiellen Käufern folgendes: “Man sollte zwei haben, damit sich immer einer in der Werkstatt erholen kann.”
Ordentliches Finish
Spätestens mit der Einführung des aktuellen Quattroporte haben sich eklatante Qualitätsprobleme aus der Fertigung verabschiedet. Dies gilt auch für das GranCabrio, das prinzipiell auf der Bodengruppe des Quattroporte aufbaut und daher mit seinen opulenten Maßen (Länge: 4,88 Meter) vier Personen echten Langstreckenkomfort bietet. Die Verarbeitungsqualität stimmt. Außen gefällt der filigran gezeichnete Italiener mit sauberen Spaltmaßen, innen sitzt alles, wackelt nicht und hat keine Luft. Schalter klicken sanft, Drehregler rasten satt und die Türen schließen wie Tresorportale. Platz genommen wird auf gut konturierten, straff gepolsterten Sesseln, die vorne wie hinten Müdigkeit verhindern helfen. Handschuhweiches Leder schmeichelt der Haut, begleitet von hinreißendem Duft.
Bella Macchina
Der Motor stammt von Ferrari, was den atemberaubenden Klang allerdings nur teilweise erklärt. Wer den 4,7 Liter großen V8 mit 440 PS Leistung und 490 Newtonmetern maximalem Drehmoment zum Leben erweckt, bekommt unweigerlich eine Gänsehaut. Wer einmal offen durch einen Tunnel gefahren ist und dabei beherzt aufs Gaspedal treten konnte, wird unweigerlich süchtig. Was die Ingenieure von Maserati hier auf die Beine gestellt haben und dem Fahrer auf die Ohren geben, sucht selbst bei Ferrari seinesgleichen, dazu kommen ganz beträchtliche Fahrleistungen. In 5,3 Sekunden prescht die Fuhre aus dem Stand auf Landstraßentempo und nach nur 12,7 Sekunden kratzt die Tachonadel bereits die 200. Außerdem verzichten die Italiener auf ein elektronisch begrenztes Spitzentempo, wodurch der Maserati bis zu 283 Sachen rennt. Bei geöffnetem Verdeck sind es zwar nur noch 274 km/h, doch wird die Reise dann ohnehin zunehmend unentspannt. Wer in der zweiten Reihe Platz nimmt, sollte bei höheren Tempi kein Toupet tragen. Gut gefallen der Geradeauslauf und die fein abgestimmte Lenkung, die auch bei der schnellen Hatz auf der Autobahn noch Entspannung zulassen.
Komfortables Fahrwerk
Das Fahrwerk des GranCabrio offenbart die eigentliche Heimat des Luxusgleiters, die Prachtboulevards und Flanierstraßen auf der Sonnenseite des Lebens. Komfortabel geht es über Stock und Stein, Kopfsteinpflaster ist ebenso wenig ein Problem wie kurze Bodenwellen. Allerdings hinterlassen Motorcharakteristik und die Wandlerautomatik aus dem Hause ZF hier einen zwiespältigen Eindruck. Der Motor will Drehen, um das gut zwei Tonnen schwere Gefährt auf leichtem Fuße zu halten. Das hat einerseits den Vorteil, dass Gaspedalbewegungen sensibel umgesetzt werden und stets ein ordentliches Maß an Leistung bereitliegt. Zum seichten Cruisen eignet sich die Kombination hingegen weniger gut, denn die Automatik schaltet hektisch zurück, sobald der Fahrer das Gaspedal lupft. Gelegentlich werden gleich zwei Gänge zurückgeschaltet, was ein heiseres Grollen zur Folge hat. Abhilfe schafft hier freilich der manuelle Eingriff über die herrlich griffigen Schalpaddel am Lenkrad. Beinah ein wenig zuviel des Guten bekommt, wer die Sporttaste betätigt. Dann schärfen sich nochmals Ansprechverhalten von Getriebe und Motor und eine Klappe im Abgastrakt wird geöffnet. Dann schmettert der Achtzylinder dermaßen ungeniert, dass man sich auf der Königsallee schon den Hut ins Gesicht ziehen möchte. Neureiche Russen oder geltungssüchtige Mittzwanziger, die für ein Maserati-Wochenende beim Autovermieter zusammen gelegt haben, werden den Schalter natürlich lieben.
Fragwürdige Bedienung
Eindeutig nach einer Renovierung verlangt ohne Zweifel das Bedienkonzept. Was die Konkurrenz durch iDrive oder MMI genannte Systeme mittlerweile mustergültig beherrscht, löst Maserati noch immer mit einem Sammelsurium an Knöpfen und Schaltern. Das funkelt nachts zwar schön, erfordert aber auch ein gerüttelt Maß an Eingewöhnung und selbst nach dieser Birgt das Konzept die Gefahr der Ablenkung. Denn erstens sind die Knöpfe nicht immer logisch angeordnet. Und zweitens sind die schlicht zu klein. Hinzu kommt ein träge reagierendes Navigationssystem, hier sollte Maserati ebenfalls nachbessern.
Assistenzsysteme eher mager
Geht es um moderne Assistenzsysteme wie Abstandsregeltempomat, Toter-Winkel-Assistens, Spurhalteassistent oder ein Head-up-Display, muss der Maserati passen. Komfortfeatures wie einen Einparkassistenten oder eine Rückfahrkamera sucht man ebenfalls vergeblich. Da beruhigt es, dass wenigstens Front- und Seitenairbags für die vorderen Passagiere mit an Bord sind und dass auch ABS und ESP zum Serienumfang gehören. Weiterhin sorgen die giftig zupackenden Bremsen nebst serienmäßigem Bremsassistenten für einen Bremsweg von sehr guten 33,5 Metern, der sich auch bei heißer Bremsanlage praktisch nicht verlängert.
Das Kostenkapitel sollte man schnell lesen.
Bei den Kosten sollte man natürlich nicht jede Zeile mit der Lupe lesen. Der Grundpreis von 132.770 Euro ist schon mehr, als manche Leute für das Eigentum ausgeben, in dem sie Wohnen. Bestellt man noch ein paar Extras hinzu, ist schnell die 140.000 erreicht, gerne auch mehr. Dazu gesellt sich ein Wertverlust wie er im Buche steht und über einen EU-Verbrauch von 15,4 Liter Super pro 100 Kilometer freut sich allenfalls der Tankstellenbetreiber. Die Kfz-Versicherung, ebenso wie Kaskoversicherung wollen auch bezahlt werden und das Finanzamt langt bei gut 4,7 Litern Hubraum ebenfalls ordentlich zu.
Fazit
Doch eine Entscheidung für einen Maserati trifft man nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Die etablierte Konkurrenz aus Stuttgart oder München macht einiges mit mehr Perfektion und ist objektiv vielleicht überlegen. Davon einmal abgesehen ist sie meist ein paar Tausend Euro billiger. So emotional wie das Maserati GranCabrio bewegt hingegen kaum einer bis zu vier Personen, schon gar nicht mit solch einem Klang. Stehen die drei Zacken im Grill vielleicht für die legendären Drei Tenöre? (autaro)