München, den 13. Juni (autaro) Bei Saab tut sich was, seitdem das Unternehmen im Februar durch das holländische Unternehmen Spyker Cars übernommen wurde und damit wieder eigenständig ist. Der Saab 9-5, also das Topmodell der Traditionsmarke, ist allerdings noch eine Entwicklung, die unter der Führung von General Motors (GM) entstand und teilt sich über 70 Prozent seiner Teile mit dem Opel Insignia. Prinzipiell ist das keine Schande, der Insignia macht seine Sache besser als jeder Opel zuvor. Doch ist die optische Verwandtschaft des 9-5 zum Insignia trotz umfassender Änderungen und der schieren Größe des Saab nicht zu leugnen. Wer allerdings nicht so genau hinschaut, sieht im Saab eine elegant gezeichnete, wuchtige Limousine, die ihresgleichen sucht – selbst eingefleischte Saab-Fans, die sich für besondere Individualisten halten, dürften mit dem Design gut klarkommen.
Kooperation mit BMW in Planung
Darüber hinaus plant Saab für die künftigen Entwicklungen unter eigener Regie eine Kooperation mit BMW. Sollte eine solche zustande kommen, wie es die Stockholmer Wirtschaftszeitung “Dagens Industri” wissen will, könnte es mit Saab durchaus bergauf gehen. Unter anderem stehe Saab-Eigentümer Victor Muller in Verhandlungen zur Verwendung von Motoren und Getrieben der Bayern und damit mit des besten, was es weltweit gibt. Außerdem könnte das geplante Kompaktmodell Saab 9-2, das optisch an seinen legendären Vorgänger in Tropfenform erinnern soll, auf der Plattform des Mini und damit ebenfalls einer BMW-Entwicklung stehen. Darüber hinaus ist Saab an Dieselmotoren aus München interessiert, die das für 2011 geplante SUV 9-4X antreiben sollen.
Länge läuft
Mit seiner Länge von 5,08 Metern ist der 9-5 seiner Klasse eigentlich entwachsen und spielt praktisch in der Liga von Mercedes S-Klasse und Co. Hierin zeigt sich auch, dass sowohl GM wie auch Spyker die größten Chancen für das schwedische Unternehmen in den USA und in Kanada sehen, wo einfach alles eine Nummer größer ist. Darüber hinaus hat der lange Radstand von über 2,8 Metern seinen Einfluss auf das Fahrverhalten, denn wie wir aus dem Segelsport wissen: „Länge läuft.“ Will meinen, dass das Federungsverhalten des großen Saab durchaus überzeugen kann – außerdem genießen die Fondpassagiere eine Beinfreiheit, die in dieser Klasse selten zu finden ist. Bei ersten Ausfahrten im schwedischen Trollhättan konnte der von uns getestete Zweiliter-Turbobenziner mit 220 PS auf Anhieb überzeugen. Er reicht für angemessene Fahrleistungen aus, beschleunigt den immerhin 1.9 Tonnen schweren Saab in 8,8 Sekunden auf Tempo 100 und rennt 230 Sachen. Allerdings ist er kein Verbrauchswunder, im Test betrug der Durchschnittsverbrauch 9,6 Liter pro 100 Kilometer. Dafür läuft der Vierzylinder höchst kultiviert und passt zum komfortablen Charakter der Reiselimousine, die leider auch durch eine völlig unsensible Lenkung auffällt und deren Automatikgetriebe noch ein wenig Feinabstimmung vertragen könnte. Da es sich beim Testwagen um ein Exemplar aus der Vorserie handelt, besteht aber die Hoffnung, dass die Ingenieure hier noch nachbessern.
Platz in Hülle und Fülle
Gleiches sollten sich die Entwickler aber auch hinsichtlich des Innenraumes noch einmal überlegen. Platzangebot und Raumgefühl sind zwar überdurchschnittlich und die Gestaltung des Cockpits und der Armaturenträger machen einen sehr eigenständigen Eindruck. Doch Verarbeitungsqualität und Materialauswahl liegen nicht auf dem Niveau der Konkurrenz, auf schlechten Straßen quietscht und knistert der Saab noch aus allen Ecken und Winkeln. Apropos Platz: auch der Kofferraum fasst ordentliche 515 Liter und macht den 9-5 damit zum passenden Begleiter auf langen Reisen. Außerdem offeriert der 9-5 so ziemlich alles, was es in dieser Klasse derzeit an Features und Gimmicks gibt, vom Head-up-Display über eine schlüsselloses Zugangssystem bis hin zum Einparkassistenten und einem Sicherheitssystem, das wirklich auf dem neuesten Stand der Technik ist. Letzteres war den Schweden, die lange Zeit in dem Ruf standen, die sichersten Autos der Welt zu bauen, schon immer eine Herzensangelegenheit.
Die Preise überzeugen
Beim Blick in Preisliste dürfte der eine oder andere Fahrer deutscher Oberklasselimousinen nachdenklich werden. Den kleinsten 9-5 mit 1,6-Liter-Turbobenziner und 180 Leistung bekommt man bereits für 33.700 Euro, ohne Abzug von zu erwartenden Rabatten der Händler, wohlgemerkt. Auch der 160-PS-Einstiegsdiesel schlägt lediglich mit 35.900 Euro zu Buche. Und wer es besonders üppig mag und zum 300 PS starken 2,8-Liter Turbo-V6 greift, wird feststellen, dass die zu investierenden 52.200 Euro angesichts der Ausstattung ein echtes Schnäppchen sind. Praktisch alles an Extras ist mit drin, inklusive Automatik und Allradantrieb.
Fazit
Ob Saab eine blühende Zukunft vor sich hat, wird vor allem durch die kommenden Volumenmodelle unterhalb des 9-5 entschieden werden – durch eine Kooperation mit BMW wäre Saab hier sicherlich sehr gut aufgestellt. Dass aber auch der Saab 9-5 seine Käufer finden wird, darf nach der ersten Vorstellung praktisch als sicher angenommen werden. Er ist etwas für Individualisten, die über den einen oder anderen kleinen Makel hinwegsehen können und denen ein profilierter Auftritt und nordisches Understatement wichtiger sind als deutsche Gründlichkeit. Dazu kommt, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis mehr als zufrieden stellt, obwohl Fabrikate der Marke Saab von Hause aus ein hohes Prestige genießen. Auch in Deutschland wird der 9-5 wieder häufiger zu sehen, was das Gesamtbild auf unseren Straßen bereichern wird. (autaro)