
(Fotos: Jaguar)
München, den 19. Oktober 2011 (autaro) Jaguar ist eine Marke mit Tradition. Urbritisch, durch und durch mondän und doch seit einigen Jahren der Zukunft zugewandt. Löste der Design-Sprung der oberen Mittelklasse im Königreich noch einen kleinen Skandal aus und mochte man sich an den ersten Diesel noch schwer gewöhnen, kam die Oberklasse in Form des XJ schon daher wie der Zweitwagen von Captain Future. Vorbei die Zeiten, als man Jaguar-Limousinen ausschließlich mit schlanker Silhouette, runden Doppelaugen und innen mit Schalter-, Holz- und Lederflut begegnete. Die Briten setzen unter der Federführung des indischen Tata-Konzerns konsequent auf High Tech. Dazu gehört neben großflächigem Einsatz von Aluminium und damit verbundenem niedrigem Leergewicht das eine oder andere Feature, das man in der nun vergleichsweise biederen deutschen Oberklasse oder oberen Mittelklasse vergeblich sucht.
Verzicht auf zwei Zylinder – eine gute Idee?
In einem Punkt fällt bei Jaguar tatsächlich eine Bastion. Der XF 2.2 D ist der erste Diesel mit nur vier Zylindern, was eine gewisse Angst vor rüpelhaften Manieren mit sich bringt. Den besagten Diesel mit sechs Zylindern haben die Kunden zwischenzeitlich zu schätzen gelernt, kommt er doch mit einem Timbre daher, dessen sich Placido Domingo nicht schämen müsste. Der Sechszylinder gehört zu den flüsterleisesten und wohlklingendsten Vertretern seiner Art. Und auch der Vierzylinder macht seine Sache überraschend kultiviert. Wie auch den größeren Bruder hat Jaguar das kleine Kraftwerk in Frankreich zugekauft, wo es Fahrzeuge des PSA-Konzerns, also namentlich Peugeot und Citroen befeuert. Im Gegensatz zu den Franzosen, die aus dem 2,2-Liter-Vierzylinder dank doppelter Aufladung 204 PS PS kitzeln, muss sich der Brite allerdings mit 190 PS zufrieden geben. Was freilich nahezu unbemerkt bleibt. Denn das maximale Drehmoment von 450 Nm fällt über ein breites Drehzahlband über die Antriebswelle her, in praktisch keiner Lebenslage wirkt die Raubkatze untermotorisiert. Für den Sprint aus dem Stand auf Landstraßenhöchsttempo vergehen lediglich 8,6 Sekunden, erst bei Tempo 240 ist Schluss. Dabei bleibt der Vierzylinder zwar stets im Hintergrund, kann aber seine profane Herkunft nicht immer verbergen. Besonders bei Volllast und beim Ausdrehen der Gänge verfällt die Raubkatze ins Fauchen – im vergleich zu anderen Selbstzündern mit vier Brennkammern liegt der Jaguar aber hinsichtlich der Laufkultur durchaus im vorderen Feld.
Außergewöhnliches Design
Das klassische Jaguar-Design mag der eine oder andere vermissen. Bei näherer Betrachtung hat aber auch die neue Formensprache durchaus ihre Reize. Ein wenig erinnert das fließende Heck an ein Coupé, seine rund fünf Meter sieht man dem XF jedenfalls erstmal nicht an. Seit dem dezenten Facelift sieht der XF seinem großen (und übrigens leichteren) Bruder XJ sehr viel ähnlicher. Innen gefallen nach wie vor die gute Verarbeitungsqualität und das ungewöhnliche Design. Waren ältere Modelle aus dem Hause Jaguar noch mit Wurzelholz geradezu getäfelt und versprühten einzig das Ambiente altenglischer Herrenzimmer, macht der Neue ganz schön auf High Tech. Kühl und bläulich illuminiert glitzert es nachts aus der Kommandozentrale, der Startknopf pulsiert rötlich und der Wählhebel für die Automatki ist eigentlich kein Hebel. Es handelt sich bei ihm mehr um ein Wählrad, das beim Anlassen des
Motors elektrisch aus der Mittelkonsole fährt – das alles ist nicht nötig, aber chic und macht irgendwie gute Laune.
Agiles Fahrverhalten
Der Handling-Parkours ist eindeutig das bevorzugte Habitat der Raubkatze, schlechte Straßen mag sie weniger. Insbesondere in Verbindung mit den optionalen 19-Zoll-Rädernfällt es dem XF schwer, Ruhe in den Aufbau zu bekommen. Zudem poltert es hörbar aus dem Fahrwerk und Schlaglöcher oder andere grobe Unebenheiten werden ungeniert an die Passagiere weitergereicht. Die Kehrseite der Medaille: für eine knapp 1,9 Tonnen schwere Limousine wetzt der Jaguar sehr behände um die Kurve. Spurstabil und präzise den Lenkbewegungen des Fahrers folgend wedelt der XF um die Pylonen der Teststrecke. Der Kompromiss zwischen Komfort und Sportlichkeit hätte allerdings ausgewogener ausfallen dürfen. Die Lenkung arbeitet präzise und leichtgängig, könnte aber feiner Rückmeldung an den Fahrer geben, die Straßenlage auch auf der Autobahn ist nicht rundum gelungen.
Behütete Insassen
Das Interieur nebst der phosphorblauen Instrumentenbeleuchtung und der glänzenden Oberflächen aus Metall und Holz umhüllt nicht nur den Fahrer mit Wohlbehagen. Auch die Passagiere in Reihe zwei haben es bequem, reisen auf einer gut konturierten Rückbank und genießen den insgesamt guten Geräuscheindruck. Allein das Leder des Fauteuils könnte sich edler anfassen, so handschuhweich wie in früheren Jaguar-Modellen ist es leider nicht mehr.
Überraschendes Preis-Leistungs-Verhältnis
Hinsichtlich Preis und der dafür gebotenen Leistung überrascht die Mittlere Jaguar-Baureihe. Ganze 5.000 Euro ist der Diesel mit vier Zylindern billiger als sein großer Bruder mit sechs Brennkammern. Dafür verbraucht er mit durchschnittlich 5,4 Litern Diesel pro 100 kilometer fast zwei Liter weniger und kommt bei der Kfz-Steuer und bei der Kfz-Versicherung deutlich günstiger weg (hier können Sie vergleichen). Die Serienausstattung ist sowohl mit Blick auf die Sicherheit als auch auf die Komfort-Features vorbildlich, allerdings kann der Preis dank zahlreicher Extras auch kräftig zunehmen. Das Vorurteil, ein Jaguar sei alleine etwas für den richtig großen Geldbeutel, trifft jedoch offensichtlich nicht zu. Ausstattungsbereinigt muss sich der Jaguar XF nicht vor der Konkurrenz aus Stuttgart oder Bayern verstecken.
Fazit
Der Jaguar XF mag die eine oder andere Schwäche nicht verbergen können, es gibt in dieser Klasse und bei vergleichbarem Preis durchaus ausgereiftere Fahrzeuge. Insgesamt macht die Raubkatze ihre Sache aber sehr überzeugend und bietet dem Fahrer diese gewisse Individualität. Innen wie auch äußerlich sucht man in dieser Klasse jedenfalls vergeblich nach einem ähnlich aufregend gestylten Vertreter. (autaro)

Das neue LED-Design hätte auch Captain Future gefallen

… und macht den Jaguar XF auch von hinten unverwechselbar

Ebenso das Interieur - die barocken Zeiten sind bei Jaguar vorüber

Extras wie das zweifarbige Leder kosten Aufpreis oder sind dem Topmodell vorbehalten

Der 2,2-Liter-Diesel ist ein echter Kraftprotz