
München, den 28. November (autaro) Während sich die Meldungen über neue Elektro-Prototypen auf dem Automarkt buchstäblich überschlagen, macht der japanische Hersteller Nissan Ernst. Der Leaf, der bereits im nächsten Jahr auch in Deutschland erhältlich sein wird, ist einer der ersten Stromer, die tatsächlich in Großserie produziert werden. Die Japaner haben sich also viel vorgenommen und sind ein ordentliches Risiko eingegangen. Francois Bancon, der Chefstratege des japanischen Autobauers, formuliert es so: “Wenn diese Nummer schief geht, sind wir tot, mausetot.” Denn der Konzern mit Sitz im japanischen Yokohama hat gut fünf Milliarden Dollar in die Hand genommen, um das Modell Leaf bzw. dessen technische Basis zu entwickeln. Neben dem Leaf ist ein besonders edles Modell in Planung, das unter dem Markennamen Infiniti vermarktet werden soll. Außerdem ein leichtes Nutzfahrzeug und ein besonders avantgardistisches Modell, das deutlich auffälliger und weniger an den Mainstream angepasst daherkommen wird, als der Leaf. “Wer das sieht, wird uns nie mehr Langeweile vorwerfen“, schwärmt Bacon. Bis 2014 sollen alle vier Modelle mit E-Antrieb auf dem Markt sein.
Unaufdringliche Optik
In der Tat ist der Leaf ein Fahrzeug geworden, das keinesfalls auffällt. “Die Zurückhaltung ist Absicht”, begründet Bacon das Design, “man darf die Leute nicht zweimal schocken.” Insgesamt aber hebt sich der Leaf doch recht deutlich von der bekannten Design-Linie in der Kompaktklasse ab, wirkt mit 4,45 Metern Länge und 1,55 Metern Höhe etwas gestreckter als beispielsweise ein Opel Astra oder VW Golf. Hierin spiegelt sich auch die optimierte Aerodynamik des Leaf wieder, die Karosserieform sollte in erster Linie dem Windkanal gefallen, nicht dem Publikum. Im Innenraum setzt sich der leicht zwiegespaltene Eindruck fort. Zwar geriet die Gestaltung des Interieurs durchaus gefällig, die Verarbeitungsqualität weist allerdings die eine oder andere Liederlichkeit auf und die Materielauswahl wurde eindeutig in Hartplastik-Land getroffen
Alltagstauglichkeit mit Einschränkungen
Insgesamt kommt bei den Passagieren niemals das Gefühl auf, wegen des zukunftsweisenden Antriebes müssten Kompromisse oder Zugeständnisse gemacht werden. Platz bietet der Kompakte allen Mitreisenden in völlig ausreichendem Maße und auch das Ladevolumen des Kofferraums ist mit 330 Litern auf Klassenniveau. Der Aufwand, die 48 Akkus, von denen jeder in etwas die Größe eines handelsüblichen Notebooks besitzt, im Fahrzeugboden unterzubringen, hat sich also gelohnt. Machen wir also den ersten Ausflug: wer mittels des knubbeligen Wählers entschieden hat, die Fuhre vorwärts zu bewegen, ist prompt überrascht. Mit unglaublicher Vehemenz schiebt der Leaf nach vorne, die Beschleunigung von der Ampellinie lässt manchen Porsche-Fahrer nur ungläubig staunen. Das maximale Drehmoment von 280 Newtonmetern liegt bei E-Motoren naturgemäß von der ersten Drehzahl an bereit. Von einem kaum hörbaren Surren begleitet, zischt der Leaf ab wie die vielzitierte Katze der Familie Schmidt. Auf der Autobahn wird bei 145 Stundenkilometern elektronisch begrenzt, höhere Geschwindigkeiten würden zu sehr am Füllstand der Akkus saugen. Doch Produktmanager Malo le Masson erwidert auf das typisch deutsche Ressentiment der Einengung treffend: “Das reicht überall in Europa für den Verlust des Führerscheins, außer in Deutschland, natürlich.”
Komplett neue Motorcharakteristik
Insgesamt muss sich der Fahrer eines Leaf komplett umstellen und beinah jede durch Diesel oder Benziner gewonnene Gewohnheit über Bord werfen. Häufiges Anfahren in der Stadt beeindruckt den 1,6 Tonnen schweren Nissan wenig, die dabei verlorene Energie wird beim nächsten Halt an der Ampel wieder aufgefangen und gespeichert. Im Stadtverkehr ist der Leaf also kaum zu schlagen. Auch bei Landstraßengeschwindigkeit jagt einem die „Tankuhr“ in Form einer Reichweitenanzeige noch wenig Angst ein. Lässt man es aber krachen und fährt auf der Autobahn eine Strecke mit Höchstgeschwindigkeit, kann man kaum schauen, so schnell schmilzt die Reichweite zusammen. Und auch an Steigungen offenbart der E-Motor bzw. die Akkutechnologie ihre große Schwäche. Geht etwas steiler bergauf, büsst man für jeden Kilometer Steigung runde zehn Kilometer Reichweite ein. Und in diesem Falle funktioniert das mit der Energie-Rekuperation nicht ganz so optimal, die Rechnung, bei folgender Bergabfahrt würde die Energie wieder in die Akkus zurückfließen, geht diesmal nicht auf. Und ein weiteres Manko haben die Lithium-Ionen-Akkus. Für eine Vollladung müssen sie nämlich gute acht Stunden an die heimische Steckdose, was vermutlich in den meisten Fällen übernacht passieren wird. An Schnellladestationen öffentlicher Stromtankstellen lässt sich der Akku übrigens binnen einer Stunde wieder zu 80 Prozent aufladen.
Für gut 80 Prozent aller Fahrten völlig ausreichend
Experten haben ausgerechnet, dass in etwa 80 Prozent aller Fahrten mit dem PKW eine kürzere Dauer haben als 80 Kilometer. Die maximale Reichweite des Leaf dürfte also für die alltäglichen Bedürfnisse der meisten Menschen völlig hinreichen. Für Uralubsfahrten hingegen haben sich die Marketingstrategen daher etwas verblüffend einfaches, für Nissan aber freilich sehr aufwendiges einfallen lassen: “Für die Urlaubsfahrt bekommen Leaf-Kunden kostenlos einen Leihwagen von uns”, sagt Masson. Neigt sich die Energie dem Ende entgegen, lotst der Leaf den Fahrer übrigens per GPS zur nächsten Ladestation.
Der Kilometerpreis ist unschlagbar
Die große Stunde des Nissan Leaf schlägt beim Blick auf die Kilometerkosten. Die betragen auf 100 Kilometer unschlagbare zwei Euro – das wwerden weder Benziner, noch Diesel oder Hybrid jemals schaffen. Dagegen steht freilich ein Anschaffungspreis von ca. 35.000 Euro, der sich je nach Land und dessen Subventionspolitik für Elektroautos noch einmal um den Betrag X reduziert. Nissan rechnet daher hauptsächlich mit Leasingkunden und Aufträgen durch Kommunen und Gemeinden. Die Vorbestellungen sprengen laut Unternehmensmitteilungen jedenfalls den Absatzrahmen von geplanten 50.000 Einheiten pro Jahr schon jetzt. Und abermals mischt sich unweigerlich ein gewisser Zwiespalt in die Erörterung des Antriebskonzeptes. Denn der Leaf selbst emittiert beim Fahren kein Gramm CO2 oder sonstige Abgase. Doch der Strom, den er für die Fortbewegung allenthalben aufnehmen muss, will auch irgendwo produziert werden. Und eben hier stellt sich wiederum die Frage, ob dieser aus Atomkraft, Gas, Öl, Kohle oder aber aus regenerativen Energiequellen geschöpft werden soll. Und ob die Politik nicht irgendwann auf die Idee kommt, auch den Strom für die automobile Fortbewegung zu besteuern – analog zur Mineralölsteuer. Bis dahin bleibt dem Leaf jedenfalls sein Image. (autaro)





