
München, den 21. November (autaro) Während die meisten Autohersteller weltweit den Elektroantrieb, Hybridsysteme oder zumindest das Down-Sizing-Konzept bei Verbrennungsmotoren forcieren, verfolgt Mercedes noch eine weitere Alternative: den noch vor zehn Jahren viel besungenen Wasserstoff-Antrieb. Genauer gesagt handelt es sich bei diesem Antriebskonzept um eine Brennstoffzelle, also eine galvanische Zelle, die die chemische Reaktionsenergie von Wasserstoff und eines Oxidationsmittels in elektrische Energie umwandelt. Diese Energie wiederum wird in einem Akku zwischengespeichert und treibt schließlich einen oder mehrere Elektromotoren an.
Der Prototyp ist uneingeschränkt alltagstauglich
Im Falle der Mercedes B-Klasse, auf deren Seiten unübersehbar der Schriftzug „F-Cell“ prangt, muss man schon erstaunt sein, wie nah das System an eine mögliche Serienreife gekommen ist. Waren Wasserstoffautos noch vor wenigen Jahren in Sachen Nutzwert, Ladekapazität und Platzangebot noch deutlich eingeschränkt, bemerkt man in dieser B-Klasse vom alternativen Antrieb praktisch nichts mehr. Der Trick: das aufwendige Sandwichboden-System, von dem sich Mercedes eigentlich mit der nächsten Modellgeneration verabschieden will – zu teuer. Dieses hat den Vorteil, dass praktisch alle Antriebskomponenten zwischen den beiden Böden verschwinden, namentlich also die Lithium-Ionen-Akkus, eine Brennstoffzelle und drei Wasserstoff-Hochdrucktanks. Einschränkungen beim Kofferraum oder in der Fahrgastzelle? Fehlanzeige.
Schlüssel umdrehen, und los geht’s
Angst vor möglichen Bedienfehlern der neuen Technik muss keiner haben. Platz nehmen, Zündschlüssel drehen, Automatik-Wählhebel in Position „D“ schieben – fertig. Nimmt man nun, wie bei jedem herkömmlichen PKW mit Automatikgetriebe, den Fuß vom Gas, kriecht die B-Klasse los. Ein leichter Druck aufs Gaspedal und die Fuhre schiebt, lediglich von einem leisen Surren begleitet, kräftig an. Dabei ist nicht nur der Effekt des nahezu fehlenden Motorgeräusches verblüffend, auch die Tatsache, dass der F-Cell ohne Zugkraftunterbrechung beschleunigt, macht Laune. Denn im Gegensatz zu Verbrennungsmotoren kann der E-Motor auf ein Getriebe verzichten, womit auch ein Gutteil an Gewicht und Wartungsarbeit wegfällt. Ebenso im Hintergrund bleibt die Brennstoffzelle, die durch die Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff elektrische Energie erzeugt. Sie lädt ständig und unbemerkt von den Passagieren den kleinen 1,4-kWh-Akku, der als Energiepuffer für die E-Maschine dient.
Von Null auf Tempo 100 in zehn Sekunden
Laut Mercedes beschleunigt der F-Cell in nur zehn Sekunden von Null auf Tempo 100. Dabei fühlen sich die 290 Newtonmeter Drehmoment des 100 Kilowatt starken Stromers deutlich stärker an. Dies liegt an der besagten Beschleunigung ohne Zugkraftunterbrechung, wird aber auch dadurch unterstützt, dass das maximale Drehmoment bereits von der ersten Umdrehung an anliegt. Erst bei Tempo 170 ist Schluss, was schließlich ebenfalls dem Verzicht auf ein Getriebe geschuldet ist.
Das Tanken gestaltet sich problemlos
Liegt ein Ladedruck von 700 Bar an, können gut vier Liter Wasserstoff in die Hochdrucktanks gepresst werden. Damit errechnet sich bei einem Durchschnittsverbrauch von etwa 1,25 Kilo Wasserstoff je 100 Kilometer eine Reichweite von etwa 400 Kilometern. Der Füllstand der Tanks wird wie beim Benziner oder Diesel über die Tankanzeige im Armaturenbrett angezeigt, eine Reserveleuchte erinnert an das Aufsuchen der nächsten Tankstelle. Hier liegt denn auch das einzige Problem, nämlich das noch dünne Netz an Tankstellen, die Wasserstoff zur Verfügung stellen. Hat man eine solche lokalisiert (bis 2011 sollen es in Deutschland mindestens 60 Stück geben), ist der Rest im Handumdrehen erledigt. Nachdem die Zapfpistole angedockt und mittels eines Schlüssels entriegelt wurde, muss nur noch ein Knopf gedrückt werden und die Tanks haben sich in circa einer Minute wieder gefüllt.
Eine Frage des Preises
Aktuell muss man für ein Kilogramm Wasserstoff um die neun Euro bezahlen, womit der F-Cell leider nicht billiger fährt, als ein vergleichbarer Benziner. Was bleibt ist aber das gute Gefühl, während der Fahrt nicht das kleinste Quäntchen Kohlendioxyd in den Äther zu blasen – da macht auch der beherzte Tritt aufs Gaspedal noch Spaß. Voraussetzung ist freilich, dass der Wasserstoff unter umweltfreundlichen Bedingungen produziert wurde. Denn: bei dessen Herstellung wird eine Menge Energie verbraucht, kommt diese nun aus konventionellen Kraftwerken mit Brennstoffen wie Gas oder gar Kohle, ist die Energiebilanz wieder hin. (autaro)